24. Merlins Flucht
Arthur dachte wohl dasselbe. Für ihn jegliche Diskussion müßig, er würde Merlin nicht gehen lassen. Und er ging davon aus, dass dieser seinen Befehl verstanden hatte, dennoch nehm er sich vor, ihn im Auge zu behalten.
Doch jetzt ging es darum, von hier fort zu kommen. Arthur drehte sich um. Er sah Nirar hinter sich stehen, er beobachtete sie. Auch die Ritter standen einfach nur so da und hatten bis jetzt nichts weiter getan als sie beobachtet. Dann ließ sich Nirar vernehmen, der sich räusperte und sagte: "Nun, da die Spielregeln sich verändert haben, bin ich bereit, Euch und Eure Gefolgschaft ziehen zu lassen. Es ist alles anders verlaufen, als ich es mir vorgestellt habe - die schwarze Macht ist verschwunden, wer weiß wohin.. Und ich hatte mir einen anderen Ausgang des Kampfes vorgestellt.
Aber davon ab: Ich bin kein Unmensch. Ihr wollt sicher, das Mädchen beerdigen und so gebe ich Euch diese Gelegenheit. Geht zurück nach Camelot, solange Ihr noch die Möglichkeit dazu habt. Die schwarze Hexe ist mächtiger als jemals zuvor, das wisst Ihr sicherlich auch. Und was uns angeht: Ich bin sicher, dass wir uns wieder sehen werden, zu gegebener Zeit.." Er ließ offen, ob dies ein Versprechen, oder eine Drohung sein sollte, vielleicht beides...
Arthur blickte zuerst ihn und dann seine Ritter an. Diese zeigten eindeutig Zweifel in ihren Gesichtern, doch Arthur schüttelte nur den Kopf. Er hatte eigentlich ebenfalls andere Gedanken in sich, und er fühlte Aggression, als er daran zurück dachte, was geschehen war, und ihm bewusst wurde, dass es im Grunde Nirar gewesen war, der für all dies hier die Verantwortung trug.
Dennoch musste er diese Gefühle hinten an stellen - nun ging es in erster Linie um Leeana. Und um Merlin, den er davon abhalten musste, etwas Unüberlegtes zu tun... Schließlich antwortete er: "Gut, ich denke auch, dass wir uns wieder sehen werden; wann auch immer... Ihr habt Recht, ich und mein Gefolge wollen jetzt so schnell wie möglich zurück um Leeana einen würdigen Abschied zu gewähren. Gebt Ihr uns unsere Waffen zurück und versichert uns sicheres Geleit!" seine Stimme war fest und bestimmt und Nirar blickte zu seinen Wachen herüber und nickte. "Sie gehen mit Euch nach oben. Ich werde nicht mitkommen, ich hoffe, Ihr seht es mir nach. Wenn Ihr oben angekommen seid, bekommt Ihr alles zurück. Zudem werden meine Diener Euch einen Wagen mitgeben, mit dem Ihr das Mädchen mit Euch nehmen könnt. Wie Ihr dann in Eure Heimat zurück kehrt, ist Eure Sache! Und nun geht - wie ich bereits sagte: Irgendwann begegnen wir uns wieder!" und nun war es eindeutig zu erkennen, dass es eher eine Drohung war. Dennoch ignorierte Arthur sie und dann taten er und die Ritter wie ihnen von Nirar geheißen wurde; zumindest wollten sie es tun - doch Arthur scheiterte zuerst an Merlin, der sich wieder wie versteinert neben die tote Leeana gesetzt hatte, dennoch schlugen seine Gedanken Rad, was er sich allerdings nicht anmerken ließ.
Merlin war scheinbar nicht fort zu bekommen, nicht mal, ansprechbar, als Arthur ihn versuchte, dazu zu bekommen, aufzustehen und Leeana frei zu geben.
Schließlich musste Arthur beinahe rüde werden, um sich bei Merlin Gehör zu verschaffen. Er konnte es ihm wirklich nachfühlen, dennoch musste jetzt etwas geschehen, denn sie mussten gehen! "Merlin! Ich will, dass du aufstehst und mir Leeana überlässt. Wir werden sie jetzt mit uns nehmen - nach Camelot um sie zu beerdigen. Sie wird ein Staatsbegräbnis bekommen, so, wie es sich für sie gehört. Aber dafür wirst du sie jetzt freigeben - sofort!"
Seine Stimme war lauter geworden, fordernder, und Merlin gehorchte schließlich. Sein Blick war eingefallen, und der Gesichtsausdruck erschreckte Arthur. Dennoch versuchte er, diesen zu ignorieren. Schließlich stand Merlin auf und nahm Leeana in seine Arme - um sie hoch zu heben. Er würde sie tragen, zuerst, wie von diesem Nirar beabsichtigt, in den Wagen, der wohl für sie bereit stand, und dann würde er sich etwas einfallen lassen. Sie würden sicherlich nicht nach Camelot zurück kehren, um seine Leeana dort zu beerdigen, das würde er verhindern!
Arthur sagte nichts, sondern sah nur zu Merlin und nickte schließlich den Rittern zu, die zusammen mit ihm, Merlin, der Leeana in seinen Armen trug, Elle und Jade aus dem Gefängnis traten. Nirar hatte sich von ihnen getrennt, und keiner wusste, wohin er verschwunden war. Aber dies war nun auch eher zweitrangig. Als sie wieder aus den Gewölben heraus traten, sahen sie, dass vor dem Gebäude tatsächlich, wie von Nirar versprochen, ein Wagen stand, der groß genug war, Leeana darin zu "verstauen". Merlin tat dies dann auch, wenn auch ungern und strich ihr durch ihr Gesicht und ihre Haare. Er küsste sie auf die Wange. Noch war es nicht so weit. In ihm reifte ein Plan heran, doch noch war es nicht soweit, ihn in die Tat umzusetzen. Er musste auf den richtigen Augenblick warten...
Weder Arthur noch die Ritter sagten etwas dazu, sie ließen sich ihre Waffen von Nirars Wachen zurück geben, die dies auch gegenstandslos taten. Arthur war bewusst, dass sie wohl den Befehl diesbezüglich von ihm bekommen hatten, dennoch ahnte er, dass es nicht das letzte Mal war, dass sie dessen Mannen sehen würden - und dann würde es vermutlich zu einem Kampf kommen. Aber darüber dachte er jetzt nicht weiter nach. Schweigend nahmen sie ihre Schwerter in Empfang und steckten sie ein - und liefen los.
Sir Leon und Sir Gwain zogen den Wagen, in dem Leeana lag und beinahe so aussah, als würde sie schlafen.
Merlin lief neben ihr, auf der rechten Seite und hielt ihre Hand in seiner, die mittlerweile eiskalt geworden war. Niemand würde seiner Leeana zu nahe kommen; und er würde nicht von ihrer Seite weichen.
Auf der anderen Seite liefen Elle und Jade, die sich gegenseitig festhielten, denn auch bei ihnen saß die Trauer tief, vor allem Jade liefen immer noch die Tränen aus den Augen. Sie weinte still, und versuchte es, so gut es ging zu verbergen, doch Elle sah und spürte es natürlich. Sie drückte Jade an sich und gab ihr Trost, so gut sie es selbst vermochte, und versuchte, ihre eigenen Gefühle zu unterdrücken.
Arthur und Sir Lancelot schließlich liefen zum Schluss. Sie bewachten den gesamten Trupp und Arthur hielt, genau wie die Ritter, die Gegend genau im Auge. Doch noch war niemand zu sehen, der ihnen zu nahe kommen würde - leider auch nicht die Sphinx, die, so erinnerte sich Arthur dunkel, etwas davon gesagt hatte, dass sie sie wieder sehen würden, wenn alles gut ausgehen sollte...
Doch es war nicht gut ausgegangen, dass wusste auch Arthur. Merlin hatte den Kampf gegen Morgana verloren und hatte sein Leben gelassen, Leeana war an seiner Statt gestorben - und Arthur fragte sich, ob dieses Wesen, das sie hierher geführt hatte, dies von vornherein gewusst hatte.
Doch nun war es müßig, weiter darüber nachzudenken, sie mussten sich überlegen, wie sie am schnellsten zurück kamen. Ihre Pferde standen noch im Unterschlupf eben dieser Sphinx. Doch wie es auch immer er darüber dachte, er kam immer zum gleichen Ergebnis: So lange ihnen die Sphinx nicht begegnete, und sie zurück brachte, mussten sie zuerst dorthin laufen, um die Pferde zu holen, die dann auch den Wagen weiter ziehen würden. Und bis zu der Sphinx dauerte es zu Fuß mindestens 2 Tage...
Arthur fluchte leise, doch er behielt seine schlechte Laune bei sich. Ab und an schaute er zu Merlin herüber, der ihm extreme Sorgen bereitete, doch auch darüber schwieg er. Er wusste, dass es keinen Sinn haben würde, diesen anzusprechen und auch den Rittern, Elle und Jade war dieses bewusst. Alle liefen schweigend und in sich gekehrt weiter.
Sie wussten nicht, wie lange sie gelaufen waren. Es waren bereits einige Stunden vergangen, und es wurde langsam dunkel. Auch, wenn niemand von ihnen es zuerst zugeben wollte, doch sie merkten alle, dass sie müde wurden. Müde und innerlich erschöpft Schließlich war es soweit und Arthur ließ den Wagen anhalten. Merlin wandte sich ihm zu und wollte etwas erwidern, doch Arthur ahnte, was dieser sagen wollte, und hieß ihn, still zu sein: "Ich weiß, was du sagen willst Merlin - doch wir alle brauchen Ruhe und etwas Erholung. Auch du! Ich möchte, dass wir uns hier ein Lager aufschlagen, einer von uns wird Wache halten - im Wechsel! Ich würde vorschlagen, dass ich die erste Wache halte, danach Sir Leon, gefolgt von Sir Lancelot und Sir Gwain. Dann können wir immer noch sehen, wie spät es ist und eventuell weiter gehen..."
Weiter kam er nicht, denn in Merlin reifte der Plan, der schon die ganze Zeit in ihm Einzug gehalten hatte. Er hatte sich bereits etwas überlegt, was er als nächstes tun wollte, aber er wusste - noch - nicht, wie er es in die Tat umsetzen sollte. Nun hatte er die Idee, was er tun konnte. Doch so, wie Arthur es gesagt hatte, funktionierte es nicht. Nun musste er etwas tun, damit sein Plan aufging.
"Sire, ich möchte die erste Wache halten, bitte!" Arthur sah ihn stirnrunzelnd an: "Merlin, ich hatte dich eigentlich nicht eingeplant - du solltest schlafen! Du hast von uns allen hier am meisten mitgemacht, natürlich vor allem wegen Leeanas Tod, doch auch, wegen des Kampfes mit Morgana! Ich möchte, dass du dich ausruhst..." Weiter kam er nicht, Merlin schnitt ihm das Wort ab: "Nein, Sire!" Dann fuhr er etwas milder fort, denn er wusste, dass er es nicht übertreiben durfte, wenn er seinen Plan ausführen wollte: "Bitte, Arthur! Lasst mich die erste Wache übernehmen. Ich will es so. Ich möchte noch einmal mit Leeana alleine sein. Sie noch einmal in meine Arme nehmen - mich von ihr verabschieden - und dass alleine! So komme ich vielleicht dazu, darüber hinweg zu kommen; noch dazu, weil wir in ein paar Stunden weiter ziehen werden, und spätestens in Camelot dann für immer Abschied nehmen müssen..." Er hatte so viel Pathos in seine Stimme gelegt, dass er nur hoffen konnte, dass Arthur ihm alles abnahm.
Und dieser tat es wirklich. Er blickte Merlin noch einmal an, dann nickte er schließlich. "In Ordnung, Merlin - ich denke, das bin ich dir schuldig. Ich weiß ja, was dir das Mädchen bedeutet. - Also gut", wandte er sich dann an die anderen: "Wir werden und nun hinlegen. Hier und jetzt. Zuerst wird Merlin Wache halten, dann wird er mich wecken! Und dann machen wir es so, wie ich vorab gesagt habe. Und Merlin", damit wandte er sich noch einmal an seinen Ratgeber und Freund: "Vergiss ja nicht, mich zu wecken! Ich werde auch von alleine wach, das weißt du!" fügte er noch beinahe mahnend hinzu.
Merlin nickte. Nach außen war er ruhig, doch innerlich bebte er. Er wusste, dass er sich auf heißem Eis befand, und das, was er nun vorhatte, konnte ihn alles kosten. Im "besten" Fall die Freundschaft zu Arthur - und im schlimmsten Fall erneut sein Leben. Doch das war ihm egal. Ihm war alles egal, hauptsache er konnte etwas tun, um Leeana wieder zum Leben zu erwecken. Und dafür gab es nur eine Möglichkeit!
Also tat er so, als wäre er mit allem einverstanden, was Arthur ihnen aufgetragen hatte, und nun war er derjenige, der als erstes freiwillig Wache schieben wollte.
Langsam legten sich alle hin. Sie hatten sich Unterlagen gesammelt, auf die sie sich legten, und nach einigen Sekunden sah Merlin, wie Jade bereits die Augen geschlossen hatte. Elle hielt sie in den Armen und küsste sie auf die Stirn, dann streichelte sie ihr eine Haarsträhne fort. Merlin musste schlucken, und ohne es zu merken, tat er das gleiche bei Leeana... Elle schaute zu ihm und flüsterte: "Merlin, ist alles in Ordnung bei dir? Brauchst du vielleicht doch Unterstützung? Soll ich mit dir zusammen wachen?" Merlin schüttelte den Kopf. Er brauchte keine Unterstützung, verdammt noch mal, er brauchte endlich Ruhe und die Gelegenheit, von hier zu verschwinden! Dennoch hatte er den Anstand, Elle zu antworten, denn er wusste erstens, dass sie es nur gut meinte, und zweitens durfte er kein Aufsehen erregen.
Also antwortete er ihr: "Nein, schon gut. Mir geht es den Umständen entsprechend - ich will nur mit ihr alleine sein.. Leg dich hin und steh deinem Schützling bei. Jade braucht dich, mehr denn je..." seine Stimme brach und Elle antwortete nicht. Sie nickte nur und dann schloss sie die Augen.
Auch die Ritter und Arthur hatten sich zwar hingelegt, aber waren noch nicht eingeschlafen, und blickten noch etwas misstrauisch und vor allem besorgt zu Merlin herüber.
Doch dieser sah sie an, und schließlich seufzte Arthur und nickte dann seinen Rittern zu, die alle gleichzeitig die Augen schlossen. Arthur selbst blickte noch einmal zu Merlin und sagte: "Du weißt Bescheid, Merlin; Bei dem kleinsten Mucks, welcher Art auch immer, weckst du uns! Falls wir nicht schon von alleine aufwachen! Ich will auf keinen Fall, dass du etwas in Eigenregie unternimmst, hast du mich verstanden?" und sein Ton war rau geworden. Merlin lief ein kalter Schauer über den Rücken - ahnte Arthur etwas? Er wusste es nicht, doch er durfte sich nichts anmerken lassen. Vermutlich ging es Arthur nur darum, Merlin davon abzuhalten, sich potentiellen Angreifern alleine zu stellen - von dem, was Merlin eigentlich vorhatte, konnte Arthur nichts wissen! Abgesehen davon, wenn er etwas ahnen würde, würde er weder seine Ritter anweisen, sich schlafen zu legen, noch selbst einschlafen...
Also nickte er erneut: "Natürlich, Sire, das habe ich Euch doch schon gesagt. Und nun könnt Ihr Euch hinlegen und schlafen..." und etwas in seinem Tonfall ließ Arthur tatsächlich nieder sinken. Er bemerkte nicht einmal, dass Merlins Augen gold-gelb geworden waren, und bevor er es noch mitbekam, war er eingeschlafen. Doch nicht nur er, sondern alle; die Ritter, Elle, Jade... Alle waren in einen tiefen Schlaf gesunken, aus dem sie wohl erst nach Stunden, wenn nicht Tagen, wieder erwachen würden.
Merlin wusste, was er nun tat, war gefährlich. Vielleicht kehrte er nie wieder zurück... Und auch, wenn jetzt und hier noch keine Gefahr in Verzug war - er hatte sich in diesem Augenblick davon überzeugt, so konnte er seinen Herrn, die Ritter, Elle und Jade keiner Gefahr aussetzen. Er wandte einen Zauber an, der sie unsichtbar werden ließ, solange sie schliefen. So würde kein Feind sie zu Gesicht bekommen. Und es würde Ewigkeiten dauern, bis sie merken würden, dass er fort war - und dann würden sie hoffentlich keine Gelegenheit haben, ihm zu folgen, um ihn von dem abzuhalten, was er nun zu tun gedachte.
Merlin blickte noch einmal zu den Schlafenden herüber - die nur noch für ihn sichtbar waren - und dann ging er zu Leeana und küsste sie noch einmal sanft auf die Stirn. Er strich ihr ebenfalls eine kleine Haarsträhne aus dem Gesicht, das bereits ganz blass und kalt geworden war, und flüsterte, sanft und liebevoll: "Ich werde dich wieder zurück holen, Leeana - und wenn es das letzte ist, was ich tue!"
Dann ließ er sie los und ging zum Wagen, den bis jetzt die Ritter gezogen hatte. Er wandte einen Zauber an, und es fiel ihm nicht schwer, den Wagen alleine anzuheben und ihn mit sich zu ziehen. Nach wenigen Schritten ließ er ihn noch einmal los und blickte kurz zurück. Ein wenig schlechtes Gewissen nagte schon an ihm, doch er musste es unterdrücken: "Es tut mir leid, Arthur. Vergebt mir!" flüsterte er, doch er wusste nicht, ob Arthur und die anderen es ihm wirklich nachsehen würden. Dennoch war es ihm egal. Nun, "egal" war vielleicht das falsche Wort, es schmerzte schon, wenn er daran dachte, dass nun die Freundschaft, die zwischen ihnen entstanden war, zu Ende sein könnte, aber dies hier war einfach wichtiger!
Und so ließ er alles hinter sich, ohne sich erneut umzusehen und lief mit dem Wagen im "Gepäck", in dem Leeanas Leichnam lag, weiter. Währenddessen sorgte er dafür, dass seine Spuren, die der Wagen im Boden hinterließ, verschwanden. Genau wusste er nicht einmal, wohin; und er lief erstmal einfach nur der Nase nach - doch dann spürte er etwas in sich, das ihn irgendwie in eine bestimmte Richtung führte. Und Merlin fragte nicht nach dem Wieso oder Warum - er ging diesem Gefühl einfach nach...

